
Christoph Geiser
CHRISTOPH GEISER
DIE SPUR DER HASEN
ROMAN
WERKAUSGABE BAND 13
HRSG. VON MORITZ WAGNER UND JULIAN REIDY MIT EINEM NACHWORT VON CASPAR BATTEGAY MIT LESEBÄNDCHEN
ETWA 150 SEITEN
CA. € (D) 24.00 I € (A) 24.70
ISBN 978-3-96639-155-9
ISBN 978-3-96639-156-6 (E-BOOK)
WARENGRUPPE 112
Erscheinungstermin: 28. August 2026
Grandmaman russe – Dass sie aus Russland stammte, erfuhr ich als Erstes, schon als Kleinkind; dass sie schizophren war, etwas später, im Volksschulalter; dass ich eine jüdische Großmutter habe und folglich Vierteljude bin, erfuhr ich zuallerletzt, als wär’s das Schlimmste. Grandmaman russe – Phantom und Phantasma meiner Kindheit.
So viel habe ich schon in Brachland erzählt, aus der Kinderperspektive. Was aber ist aus mei- ner russisch jüdischen Familie geworden, aus den Saizeffs? Ein russischer Allerweltsname, der »Hase« bedeutet, nicht spezifisch jüdisch. Was bleibt? fragte ich mich, auf meiner eigenen Grabkiste sitzend im blühenden Gärtchen.
Rochles Krankenakte habe ich gefunden, im Staatsarchiv Liestal. Rochle ist jiddisch und heißt Rahel. Den Wahnsinn des Weltkriegs und den Irrsinn der (restlosen) Vernichtung des Ostju- dentums hat meine Großmutter im schweizerischen Irrenhaus überlebt – verstoßen aus dem Schtetl von ihrer Familie, weil sie einen Nichtjuden geheiratet hatte, verstoßen von ihrem Mann aus dem Kaff, weil sie wahnsinnig wurde.
Eine Heimkehr? Unmöglich. Gefangen – und gerettet! – im Gruselkabinett der Irren-Ärzte. Eu- geniker alle, Rassehygieniker, Apostel der Volksgesundheit. Außerdem Ameisenforscher. Ge- funden habe ich weitere Phantome, keine neue Familiengeschichte, keine Überlebenden. Meine andere Familie ist nicht mehr, spurlos. Ihre Geschichte ist Bestandteil des Kollektivschicksals, das ich – anstelle der individuellen Familienchronik – nachzuvollziehen versucht habe. Medea aus Jiddischland; oder: vom Einzelschicksal zur Endlösung.
Was bleibt, ist eine ohnmächtige Wut. Und – vielleicht – die Groteske als Lösung.
Bern, 02. April 2025 Christoph Geiser
»Christoph Geiser wagt auch mit 75 Jahren die Auseinandersetzung mit sich selbst, mit den eigenen Geschichten und mit der großen Geschichte.«
02. August 2024, Alexander Sury, Der Bund
»Christoph Geiser ist ein Pionier der queeren Schweizer Literatur.«
15.02.2023, Timo Posselt, Die Zeit
»Um die hermeneutische Aufklärung von Tabus geht es Geiser, um die Attacke der „Familientradition des Schweigens und Aussparens“.«
15.02.2023, Katrin Hillgruber, Der Tagesspiegel
»Geiser erlernt sein Erzählen in der Kälte, in der demütigen Distanz zur seelischen Erschütterung. [...] Das Existenzielle ist Geisers Größe, seine unwandelbare Währung. [...] Immer und ruhelos webt die Erinnerung in diesem Werk. Es nimmt einen mit. Man möchte es ganz wiederlesen. Bald kann man es.«
09.01.2023, Philipp Theisohn, FAZ
»Mit dem ersten Band der im Secession Verlag erschienenen und mit einem umfangreichen Nachwort versehenen Werkausgabe gilt es, einen bemerkenswerten Autor zu entdecken, dessen Sprache und Stilmittel in der Fülle der Neuerscheinungen eine wahre Bereicherung darstellen.«
13.02.2023, Axel Vits, Kommbuch.com
»Ein wunderbarer Einstieg in das Werk eines wunderbaren Schweizer Erzählers.«
11.02.2023, Jascha Feldhaus, Aufklappen Literaturblog
»Christoph Geiser verarbeitet in seinen Büchern auf faszinierende Weise, die eigenen Obsessionen, sexuellen Neigungen und Verletzungen literarisch. Zu bewundern ist sein Mut und seine Radikalität, damals zumindest wider den Zeitgeist zu schreiben, rücksichtslos gegen sich selbst. Aber da ist noch mehr: Indem er dieses Sprechen ästhetisch äußerst wandlungsfähig einbindet in ein weitgespanntes Netz geschichtlicher wie gesellschaftlicher Korrespondenzen und literarischer Kommunikation mit Autoren und Autorinnen, Künstlern und Philosophen, bietet er seiner Leserschaft Anknüpfungspunkte für freies Denken und Fühlen [ ]… Ein gelungener Auftakt und eine lohnenswerte Lektüre!«
23.10.2022, Angela Gutzeit, Deutschlandfunk
»Wüstenfahrt erzählt die Geschichte der Beziehung zwischen einem Mann (der dem Autor in vielem sehr ähnlich ist) und dessen um etliche Jahre älteren, verheirateten Freund. Es ist eine private Geschichte, intimer und gefühlsnäher als die Romane Grünsee und Brachland. Mit grosser Genauigkeit schildert sie das Entstehen von Nähe und Intimität, dann die allmähliche Entfremdung mit ihren Gefühlen der Enttäuschung, Eifersucht und Irritation. Geiser hat sich vom Stoff seiner Kindheit, der Milieuschilderung des heimatlichen Bürgertums, gelöst, um den Schritt zu wagen, ein nach wie vor heikles Thema aus subjektiver Perspektive schreibend zu bewältigen.«
06. 12. 1984, Luzerner Neueste Nachrichten

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